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Eine Frankfurter-Stiftungsallianz bricht alte Stiftungsstrukturen auf

Astrid Kießling-Taşkın über
neue Wege des Stiftens

Astrid Kießling-Taşkın

Sprecherin der Stiftungsallianz Frankfurter Bahnhofsviertel über das Projekt FAMOS
Foto : Commerzbank-Stiftung

FAMOS steht für „Starke Familien im Bahnhofsviertel“ und ist ein Ort der Begegnung, Beratung, Bildung und Teilhabe. Das Projekt setzt sich für bessere Lebensbedingungen und neue Perspektiven für Kinder, Jugendliche und Familien im Frankfurter Bahnhofsviertel ein. Hinter FAMOS steht eine Allianz aus der Commerzbank-Stiftung, der Crespo Foundation, der Karg-Stiftung, der Metzler Stiftung, der Stiftung Giersch, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Stiftung Rudolf Brand – Helmut Schöler sowie der ODDO BHF Stiftung.

Im folgenden Interview spricht Astrid Kießling-Taşkın als Sprecherin der Stiftungsallianz Frankfurter Bahnhofsviertel über das Projekt FAMOS und die Kraft gemeinsamen stifterischen Engagements. Sie ist Vorständin der Commerzbank-Stiftung.


Wie entstand die Idee hinter FAMOS?

Die Idee hinter FAMOS ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern ganz konkret vor Ort. Am Anfang standen gemeinsame Begehungen im Frankfurter Bahnhofsviertel. Wir haben uns bewusst auf den Weg gemacht, Einrichtungen besucht und vor allem mit den Menschen gesprochen, die dort leben und arbeiten und die Herausforderungen des Viertels aus ihrem Alltag kennen.

Diese Begegnungen waren für mich entscheidend. Wenn man gemeinsam vor Ort ist, zuhört und unterschiedliche Perspektiven kennenlernt, verändert sich der Blick. Man erkennt sehr schnell, wie komplex die Herausforderungen sind und dass keine einzelne Institution und auch keine einzelne Stiftung darauf allein die richtigen Antworten haben kann.

Aus diesen gemeinsamen Erfahrungen und den anschließenden Gesprächen zwischen den Stiftungen entstand zunehmend die Frage: Warum bündeln wir nicht unsere unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen, Netzwerke und Möglichkeiten?

Genau daraus hat sich die Stiftungsallianz für das Frankfurter Bahnhofsviertel und letztlich FAMOS entwickelt. Gemeinsam können wir Zusammenhänge besser verstehen, voneinander lernen und gemeinsam handeln.

Für mich ist deshalb schon der Entstehungsprozess best practice: Erst hinschauen, dann zuhören, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und daraus gemeinsam etwas entwickeln. Das ist für mich der eigentliche innovative Gedanke der Stiftungsallianz.


Warum gewinnen Kooperationen zwischen Stiftungen zunehmend an Bedeutung?

Die Herausforderungen, mit denen wir uns beschäftigen, werden komplexer. Soziale oder kulturelle Teilhabe, Bildungschance für alle und nicht zuletzt gesellschaftlicher Zusammenhalt lassen sich nicht isoliert betrachten. Gleichzeitig verfügt keine einzelne Stiftung über alle Antworten, Erfahrungen und Kompetenzen.

Kooperation bedeutet deshalb für mich nicht, die eigene Identität aufzugeben. Im Gegenteil: Jede Stiftung bringt ihre eigene Perspektive und ihre besonderen Stärken ein. Gerade Stiftungen haben dabei eine besondere Chance. Sie können langfristig und mutig denken, unterschiedliche Akteure zusammenbringen und Räume schaffen, in denen Neues ausprobiert und Vertrauen geschaffen werden kann. Ich sage immer, wir als Commerzbank-Stiftung verstehen uns als „lernende Stiftung“, unsere Haltung und unser Handeln sind grundsätzlich kooperativ und kollaborativ angelegt.


Welche Vorteile entstehen, wenn unterschiedliche Organisationen ihre Erfahrungen bündeln?

Der größte Vorteil ist für mich die Vielfalt der Perspektiven. Unterschiedliche Organisationen sehen unterschiedliche Dinge. Was für die eine Stiftung selbstverständlich erscheint, kann für eine andere ein völlig neuer Ansatz sein. Wir können erfolgreiche Ideen aufgreifen, weiterentwickeln und vielleicht in einen ganz anderen Kontext übertragen.

Gleichzeitig entstehen durch Zusammenarbeit Netzwerke und Beziehungen. Und gerade diese Beziehungen sind häufig entscheidend: Menschen kennen einander, vertrauen einander und können dadurch schneller gemeinsam handeln, wenn sich eine Gelegenheit oder eine neue Herausforderung ergibt.


Was können Stiftungen voneinander lernen?

Sehr viel. Und vielleicht beginnt das Wichtigste mit einer einfachen Haltung: der Bereitschaft zuzuhören.

Besonders spannend finde ich dabei den Austausch über Dinge, die nicht funktioniert haben. Denn genau daraus entsteht häufig der größte Erkenntnisgewinn.

Dafür braucht es Offenheit und Vertrauen. Eine gute Stiftungsgemeinschaft sollte deshalb ein Raum sein, in dem man nicht nur Erfolge präsentiert, sondern auch Fragen stellen und Unsicherheiten teilen kann.


Gibt es ein Beispiel, das die besondere Kraft dieser Zusammenarbeit verdeutlicht?

Für mich zeigt sich die besondere Kraft von FAMOS gerade darin, dass die Zusammenarbeit nicht bei einer Allianz von Stiftungen stehen bleibt. Entscheidend ist, weitere Perspektiven und Kompetenzen einzubeziehen. Dazu gehören die Stadt Frankfurt ebenso wie der Evangelische Regionalverband Frankfurt und Offenbach als sozialer Träger und insbesondere die Einrichtungen und Menschen, die die Situation vor Ort aus ihrer täglichen Arbeit und ihrem Leben kennen.

Gerade im Frankfurter Bahnhofsviertel wird deutlich, warum das wichtig ist. Die Herausforderungen dort sind vielschichtig und lassen sich nicht aus der Perspektive einer einzelnen Institution herauslösen. Die Stadt bringt ihre kommunale Perspektive und Verantwortung ein, der Evangelische Regionalverband seine unmittelbare Erfahrung aus der sozialen Arbeit vor Ort, und die beteiligten Stiftungen können ihre unterschiedlichen Netzwerke bündeln.

Für mich liegt genau darin die besondere Qualität dieser Allianz: Wir setzen nicht einfach einzelne Förderprojekte nebeneinander, sondern bringen unterschiedliche Akteure an einen Tisch, hören einander zu und entwickeln ein gemeinsames Verständnis davon, was vor Ort gebraucht wird. Denn über allem steht die Frage: Was können wir gemeinsam für diesen Ort und vor allem für die Menschen, die dort leben und arbeiten, bewirken?

Das ist für mich die eigentliche Kraft von FAMOS: aus unterschiedlichen Verantwortlichkeiten eine gemeinsame Verantwortung entstehen zu lassen.


Wie sieht erfolgreiche Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht aus?

Erfolgreiche Zusammenarbeit beginnt für mich mit angst- oder bedenkenfreien Räumen, sprich mit Vertrauen und Freude am Tun. Man muss bereit sein, offen miteinander zu sprechen. Gleichzeitig dürfen nie die Begeisterung und innere Überzeugung verloren gehen.

Und: gute Kooperation braucht ein gemeinsames Ziel. Wir müssen nicht in allem einer Meinung sein. Aber wir sollten wissen, was wir gemeinsam erreichen wollen.

Und schließlich braucht Zusammenarbeit Menschen, die sie mit Leben füllen. Kooperation entsteht nicht zwischen Logos oder Institutionen, sondern zwischen uns allen. Wenn wir neugierig aufeinander sind, uns gegenseitig ernst nehmen und bereit sind, Verantwortung miteinander zu teilen, kann sehr viel entstehen.


Warum entsteht die größte Wirkung oft dann, wenn Menschen und Organisationen gemeinsam handeln?

Weil niemand allein alle Perspektiven, Fähigkeiten und Erfahrungen besitzen kann.

Gemeinsames Handeln bedeutet für mich deshalb mehr als Arbeitsteilung. Es bedeutet, unterschiedliche Kompetenzen miteinander zu verbinden. Im besten Fall entsteht dabei etwas, das keiner der Beteiligten allein hätte entwickeln können.

Gerade bei gesellschaftlichen Herausforderungen ist das entscheidend. Wirkung entsteht nicht dadurch, dass jeder ein möglichst großes Stück für sich beansprucht, sondern dadurch, dass viele unterschiedliche Beiträge ineinandergreifen.

Vielleicht ist genau das der Kern des „Wir Gemeinsam“: Aus vielen einzelnen Möglichkeiten entsteht eine gemeinsame Möglichkeit, die größer ist als jede einzelne für sich.


FAMOS feiert ersten Geburtstag – mit Begegnung, Beratung und neuen Projekten für Familien im Stadtteil

Kinder bauen Türme, Eltern trinken gemeinsam Kaffee, nebenan wird bei Formularen geholfen oder über den Schulalltag gesprochen: Seit der Eröffnung im September 2025 ist in der Moselstraße Frankfurt mit FAMOS ein Ort entstanden, an dem Familien unkompliziert ankommen, sich austauschen und Unterstützung finden können.

Das Angebot reicht inzwischen vom Eltern-Kind- sowie Papa-Kind-Café über Sprachtreffs bis hin zu Formularhilfe, dem Mama-Info-Café am Morgen vor der Schule und dem Eltern.Raum für Fragen rund um Schule und Familienalltag. Gemeinsam mit Einrichtungen und Akteur:innen aus dem Stadtteil wurden Angebote entwickelt, Netzwerke aufgebaut und Zugänge zu Beratung, Bildung und Förderung erleichtert. Im Mittelpunkt steht ein niedrigschwelliger Ansatz: zuhören, vernetzen, beraten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Ziel ist es, Familien im Bahnhofsviertel Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen.

Foto: Famos
Foto: Famos