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Fünf Tage Utopie
für Frankfurt

Markus Fein über ein Festival, das die
Regeln der Alten Oper neu schreibt

Dr. Markus Fein

Geschäftsführer der Alten Oper Frankfurt.
Foto : Salar Baygan

Mit ihrem Fratopia-Festival hat die Alte Oper Frankfurt ein Format etabliert, das die klassischen Regeln des Konzertbetriebs auf den Kopf stellt: Fünf Tage lang verwandelt sich das Haus in einen offenen Ort, an dem das Publikum eingeladen ist, Musik verschiedenster Genres bei freiem Eintritt zu entdecken. Erfinder und maßgeblicher Gestalter des Festivals ist Dr. Markus Fein, Intendant der Alten Oper. Seine Idee: ein Festival für eine vielfältige Stadtgesellschaft, das Neugier weckt, Zugänge schafft und Lust auf Musik in all ihren Facetten macht. Die ODDO BHF Stiftung unterstützt das Fratopia-Festival und trägt damit dazu bei, diesem besonderen Zukunftsmodell Raum zu geben. Wie die Idee zu Fratopia entstand, was das Festival so besonders macht und welche Perspektiven darin womöglich für die Zukunft von Konzerthäusern liegen, erzählt Markus Fein im Interview.


„Fratopia“ verbindet Frankfurt und Utopie. Wann entstand die Idee zu diesem ungewöhnlichen Festival und welche Vision stand am Anfang?

Wir spüren allenthalben: Unsere Lebenswirklichkeit verändert sich dramatisch schnell – so vieles durchläuft gerade einen Transformationsprozess. Das Fratopia-Festival setzt hier an und versucht eine Antwort der Kultur auf die sich wandelnden Lebensbedingungen zu geben. Ein solcher Ansatz ist ungewöhnlich und für Besucher wie für die Verantwortlichen Neuland, denn – seien wir ehrlich – in vielen Fällen bleiben die großen Kulturinstitutionen in ihren Routinen und Traditionen verhaftet. Das Publikum – und das betrifft gerade diejenigen, die noch keine regelmäßigen Konzertgänger sind – verliert deswegen mitunter den Kontakt zur Kultur, etliche fühlen sich nicht mehr angesprochen und gehen auf Distanz. Das Fratopia-Festival versucht intelligent und mutig, mit Anspruch, mit einer gewissen Leichtigkeit und vor allem einer großen Portion Neugier in diese Lücke vorzustoßen. Ziel des Festivals ist es, die Routinen eines Konzerthauses über Bord zu werfen und ein ganz anderes Setting für Konzerte zu entwerfen, neue Atmosphären und Wahrnehmungsräume zu schaffen, kurz: die Utopie eines visionären, urbanen Musikfestivals zu entwerfen. Lebendig, offen, vielfältig, inspirierend, maximal zugänglich.


Fratopia bricht mit vielen Konventionen des klassischen Konzertbetriebs. Was macht das Festivalerlebnis für die Besucherinnen und Besucher so anders?

So ziemlich alles. Es beginnt bei der Uhrzeit: Die fünf Festivaltage beginnen bereits nachmittags um 15:00 Uhr und gehen bis kurz vor Mitternacht – wohl gemerkt: nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche. Die Konzerte dauern nicht wie sonst üblich zwei Stunden, sondern nur eine gute halbe Stunde. Die Genres – hier Klassik, dort Jazz oder Weltmusik – werden bewusst durcheinandergemischt. Und es finden zeitgleich, immer zur vollen Stunde, Konzerte an insgesamt sieben Orten innerhalb unseres Konzerthauses, der Alten Oper, statt: im Großen Saal und im Mozart Saal, in den Salons und in den Foyers. Auf diese Weise wird der Besucher zum Programm-Macher: Er stellt sich seinen eigenen Parcours, seine eigene Auswahl aus dem Programmangebot von ca. 50 Konzerten pro Tag zusammen. Entscheidend ist darüber hinaus das Setting: Wir krempeln unser Haus um und präsentieren die Säle in einer neuen Atmosphäre. Die Bühne ist in vielen Fällen in die Mitte gerückt, die Bestuhlung neu organisiert; die Menschen sitzen 360 Grad um die Bühne herum, im vorderen Bereich auf dem Boden, auf Sitzkissen. Mit Licht und neuen Akzenten in der Ausstattung geben wir den Räumen so eine urbane Lässigkeit und Offenheit. Es gibt Working Spaces oder Bereiche, in denen die Besucher sich zurückziehen und ein Buch lesen können. Der größte Hebel der Veränderung: Alle insgesamt 250 Kurzkonzerte des Festivals können kostenfrei von den Besuchern erlebt werden. Der Konzertbesuch wird damit nicht nur für jeden erschwinglich, sondern ganz unkompliziert: Man kann sich spontan entscheiden, kann einen Festivalbesuch zwischen zwei Terminen kurz einschieben oder einen ganzen Festivaltag mit acht Stunden Programm erleben.


Wer sind die Künstlerinnen und Künstler, die Fratopia prägen, und wonach wählen Sie sie aus?

Ein weiterer, entscheidender Faktor: Wir laden zum Festival Künstlerpersönlichkeiten ein, Grenzgänger, dialogbereite Musikerinnen und Musiker, die Experimente eingehen und etwa klassische Musik mit Jazz und Weltmusik fusionieren. In den allermeisten Fällen sind es junge Menschen, die wir präsentieren: international, Repräsentanten einer neuen Generation, die mehr will als nur schön spielen.


45.000 Besucherinnen und Besucher, viele davon zum ersten Mal in der Alten Oper: Was sagt dieser Erfolg über die Wirkung des Festivals aus?

Ein wirklich buntes Publikum – erstaunlich jung, urban, international. Menschen unterschiedlicher Generationen und mit verschiedenen Erfahrungen – Experten wie auch Kulturneulinge – begegnen sich hier ungezwungen. Sie spüren und genießen die besondere Durchlässigkeit des Festivals. Zur letzten Ausgabe des fünftägigen Festivals kamen rund 45.000 Menschen, die meisten von ihnen waren zum allerersten Mal in der Alten Oper. Das Festival erleben auch wir wie im Rausch.


Fratopia gilt als Erfolgsmodell für kulturelle Teilhabe. Wie viel von diesem Ansatz lässt sich auf andere Formate oder Institutionen übertragen?

Fratopia findet einmal pro Spielzeit statt; das Festival lebt von seiner Einmaligkeit, auch von der Limitierung auf fünf Tage. Es wäre meines Erachtens falsch, dieses Festival zu verlängern oder in kürzeren Abständen durchzuführen. Aber wir können als Haus den Geist dieses Festivals forttragen, davon lernen, den Spirit auf andere Formate übertragen – und das neu gewonnene Publikum auf weitere Konzerte und Festivals aufmerksam machen. Einer Skalierung auf andere Orte würde ich skeptisch gegenüberstehen: Das Festival ist sehr auf den Ort, die räumlichen Möglichkeiten der Alten Oper und auf die Internationalität und Urbanität der Stadt Frankfurt zugeschnitten.


Ein Festival dieser Größenordnung entsteht nicht ohne Herausforderungen. Welche Hürden mussten Sie überwinden und welche wichtigen Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?

Wir mussten viel lernen; anfangs waren wir gar nicht auf die Besuchermassen eingestellt und wurden regelrecht vom Ansturm der Menschen überrannt. Ein Festival dieser Art bedarf enormer personeller Ressourcen, braucht einen mindestens einjährigen Planungsvorlauf – und eine permanente Optimierung in den organisatorischen und logistischen Abläufen, auch was das Sicherheitskonzept anbelangt.


Kostenfreier Zugang, hohe Qualität, großer organisatorischer Aufwand: Wie sichern Sie die Zukunft von Fratopia in einem zunehmend anspruchsvollen Finanzierungsumfeld?

Fratopia ist längst zu einem Markenzeichen der Alten Oper geworden, die Menschen lieben und feiern dieses Festival. Wir setzen also alles daran, dem Festival eine lange Zukunft zu geben. Die Finanzierung ist eine enorme Herausforderung, weil wir die Ausgaben mit privaten Mitteln decken müssen und keine Einnahmen haben. Der große Verbund von Förderern und Stiftungen in Frankfurt steht zu dem Haus und diesem Festival. Aktuell ist das Festival abgesichert.


Fratopia lebt von Experimentierfreude und neuen Perspektiven. Welche inhaltlichen Impulse möchten Sie in den kommenden Jahren setzen?

Versuchen wir immer, dem Festival treu zu bleiben und neue Utopien zu entwerfen. Das Festival lebt vom Experiment und vom Mut, Dinge anders zu machen. Das soll auch das Motto für die nächsten Jahre bleiben.

„Konzerthäuser – sie sind KI-fest“


Was begeistert Sie persönlich an Fratopia und welcher Moment des Festivals ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Mich begeistert die Atmosphäre von Fratopia. Dieses Festival atmet Neugier, Offenheit, Urbanität und ein starkes Wir-Gefühl. Mich begeistert das riesige Interesse der Menschen, bei der letzten Ausgabe besuchten 45.000 Menschen Fratopia – darunter viele junge und internationale Konzertbesucher.


Wie können kulturelle Begegnungen Menschen verbinden?

Wir alle spüren, wie wichtig heute Orte des gemeinsamen Erlebens und Entdeckens sind. Die Kultur kann solche Räume eröffnen. Und sie tut dies über echte Inhalte, über Emotionen und geteilte Begeisterung. Bei Fratopia kommen unterschiedlichste Menschen zusammen und feiern gemeinsam ein „Festival der Entdeckungen“.

Über die Alte Oper Frankfurt

Die Alte Oper gehört mit jährlich knapp 500.000 Besuchern zu den großen Konzerthäusern in Europa. Das Programmangebot reicht von Klassik bis zu World, Jazz, Entertainment und Kongressen. Weltweit renommierte Solisten, Ensembles und Orchester treten regelmäßig in der Alten Oper auf. Doch die Alte Oper ist mehr als ein Ort der Exzellenz.

Sie versteht sich als urbanes, offenes, internationales und innovatives Konzerthaus der Gegenwart, das die Nähe zum Publikum sucht und die Bürgerinnen und Bürger der Stadt mit offenen Armen willkommen heißt. Mit neuen Konzertformaten, einem umfassenden Musikvermittlungsansatz sowie zahlreichen Community- und Teilhabe-Projekten schlägt die Alte Oper Brücken in die Stadtgesellschaft.

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0