15. Dezember: Dr. Rainer Esser

Wir sind alle gemeinsam verantwortlich
Gerade in der Weihnachtszeit, bei dem ein oder anderen Familienfest, lässt sich feststellen: Zusammenkommen bedeutet nicht immer Harmonie, sondern kann auch harte Arbeit sein…
Was wir im kleinen Kreis erleben, gilt genauso im Großen: Auch unsere Demokratie lebt von dieser oft herausfordernden Kunst, miteinander auszukommen. Und das nicht, indem wir alle einer Meinung sind. Das wäre ja auch furchtbar langweilig! Es bedeutet vielmehr, dass wir Räume schaffen, in denen verschiedene Meinungen aufeinandertreffen können. Heute mehr als je zuvor.
Marion Gräfin Dönhoff, die große Vordenkerin der ZEIT, hat es vorgemacht. Sie stritt leidenschaftlich – aber sie stritt fair. Sie räumte sogar einmal ihren Schreibtisch in der ZEIT-Redaktion, weil sie ihre Überzeugungen nicht verraten wollte. Und sie kehrte zurück, weil sie wusste: Echte Haltung zeigt sich nicht im Rückzug, sondern im Dialog. Dieser Haltung fühlen wir uns bei der ZEIT noch immer verpflichtet, denn wir sind überzeugt: ein tiefes und begründetes, gutes Urteil kommt nur in der Konfrontation mit unterschiedlichen Meinungen zustande.
Deshalb mein Weihnachtswunsch: Schaffen wir alle – jeder an seinem Platz – Räume des Zuhörens, des Dialogs und des Verstehens. Am Arbeitsplatz, im Verein, am Küchentisch. Seien wir mutig genug für die konstruktive Auseinandersetzung. Zeigen wir Haltung – aber auch Neugier auf die Haltung des anderen. Denn „Wir Gemeinsam“ heißt nicht: „Wir alle sind einer Meinung.“ Es heißt: „Wir alle sind verantwortlich.“
Jeder kann Dialog schaffen. Jeder kann Brücken bauen. Auch wenn es manchmal anstrengend ist.